Die Vorstellung, während einer Operation bei Bewusstsein zu sein oder durch eine fehlerhafte Intubation gesundheitliche Schäden zu erleiden, ist äußerst beunruhigend. Eine fehlerhafte Anästhesie kann schwerwiegende Folgen haben, die das Leben eines Patienten nachhaltig beeinträchtigen. Betroffene leiden nicht nur unter den unmittelbaren physischen Schmerzen, sondern kämpfen oft auch lange Zeit nach einer nicht sachgemäß durchgeführten Narkose mit psychischen Belastungen, Angststörungen oder gar posttraumatischen Belastungsstörungen.
Doch wann liegt ein Behandlungsfehler vor? Welche Möglichkeiten haben Patienten, wenn sie durch eine fehlerhafte Anästhesie geschädigt wurden? Und welche rechtlichen Schritte können eingeleitet werden? Dieser Artikel beleuchtet nicht nur die häufigsten Fehlerquellen in der Anästhesie, sondern gibt auch einen umfassenden Überblick über die rechtliche Einordnung und die Ansprüche, die Patienten geltend machen können.
Die Bedeutung der Anästhesie und ihr Ablauf
Anästhesie ist eine essenzielle medizinische Maßnahme, die sicherstellt, dass Patienten während chirurgischer Eingriffe keine Schmerzen empfinden und sich nicht unkontrolliert bewegen. Neben der vollständigen Ausschaltung des Schmerzempfindens ist es entscheidend, dass die muskuläre Spannung reduziert wird, sodass der Chirurg ungehindert operieren kann. Unkontrollierte Bewegungen oder unerwartete Reflexe könnten nicht nur die Operation erschweren, sondern auch zu schweren Verletzungen der Patientin bzw. des Patienten führen.
Es gibt verschiedene Arten der Anästhesie:
- Allgemeinanästhesie (Intubationsnarkose): Hierbei wird der Patient in einen tiefschlafähnlichen Zustand versetzt. Die Atmung wird durch einen Beatmungsschlauch (Tubus) gesichert.
- Lokalanästhesie: Nur ein bestimmtes Körperareal wird betäubt. Dies wird häufig bei kleineren Eingriffen wie einer Hallux valgus-Operation angewendet.
- Regionalanästhesie: Betäubung größerer Körperbereiche, z. B. durch eine Spinal- oder Periduralanästhesie.
Die Verantwortung des Anästhesisten während der Operation
Der Anästhesist trägt die volle Verantwortung für die gesamte Narkosephase – beginnend mit der Einleitung, über die kontinuierliche Überwachung während der Operation, bis hin zur sicheren Ausleitung und dem Erwachen des Patienten. Dabei muss er nicht nur sicherstellen, dass die Narkose ausreichend tief ist, sondern auch ununterbrochen die Vitalfunktionen überwachen und mögliche Komplikationen umgehend behandeln. Eine fehlerhafte Intubation kann eine unzureichende Sauerstoffzufuhr zur Folge haben, was im schlimmsten Fall zu Hirnschäden oder einem Kreislaufstillstand führt. Auch eine verspätete Reaktion auf sinkende Sauerstoffsättigungswerte oder plötzliche Blutdruckabfälle kann gravierende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Jeder Fehler oder eine unzureichende Reaktion eines Anästhesisten kann schwerwiegende Konsequenzen für den Patienten haben.
Zusammenarbeit zwischen Anästhesist und Chirurg
Die erfolgreiche Durchführung einer Operation erfordert eine enge und koordinierte Zusammenarbeit zwischen dem Chirurgen und dem Anästhesisten. Während der Chirurg für die eigentlichen operativen Maßnahmen verantwortlich ist, ist es die Auffgabe des Anästhesisten, den Kreislauf des Patienten stabil zu halten und eine durchgängige Narkosetiefe zu gewährleisten. Eine unzureichende Anästhesie kann nicht nur zu erheblichen Schmerzen für den Patienten führen, sondern auch die Arbeit des Chirurgen massiv erschweren. Beispielsweise können spontane Bewegungen oder unkontrollierte Muskelanspannungen den präzisen Einsatz chirurgischer Instrumente gefährden. Ebenso kann eine zu tiefe Anästhesie zu kritischen Kreislaufproblemen führen, die das Operationsteam vor erhebliche Herausforderungen stellen.
Ein Anästhesist muss während der gesamten Operation sicherstellen, dass alle relevanten Parameter wie Sauerstoffsättigung, Blutdruck und Kohlendioxidausstoß im stabilen Bereich bleiben und bei ersten Anzeichen einer Abweichung sofort eingreifen. Wird diese Kontrolle unzureichend durchgeführt, stellt dies einen schwerwiegenden Befunderhebungs- und Kontrollmangel dar. Besonders problematisch wird dies, wenn ein Anästhesist mehrere Operationen parallel betreut. Eine lückenlose Überwachung ist dann nicht mehr gewährleistet. Dies kann dazu führen, dass kritische Veränderungen im Zustand eines Patienten zu spät erkannt werden und notwendige Maßnahmen verzögert eingeleitet werden.
Der Anästhesist ist nicht nur während der Operation, sondern auch davor und danach für die Risikoeinschätzung verantwortlich. So muss er etwa den Chirurgen vor der Operation über etwaige kreislaufbedingte oder sonstige anatomische Besonderheiten des Patienten aufmerksam machen. Auf Grundlage dieser Informationen werden Dauer und Umfang des Eingriffs maßgeblich bestimmt. Ist ein Patient aus anästhetischer Sicht zu risikobehaftet, so werden mitunter mehrere kürzere Eingriffe statt einer langen Operation geplant.
Fehlerquellen in der Anästhesie
Diagnosefehler
Ein Risiko in der Anästhesie sind Diagnosefehler, die bereits in der präoperativen Phase entstehen können. Anästhesisten sind nicht nur für die sichere Durchführung der Narkose verantwortlich, sondern müssen auch präoperative Untersuchungen sorgfältig auswerten. Nebenbefunde, die sich aus diesen Diagnosen ergeben, müssen dringend berücksichtigt werden.
Ein Beispiel aus der Rechtsprechung zeigt, wie schwerwiegend ein solcher Fehler sein kann: Ein Anästhesist erhielt zur Beurteilung der Lungenfunktion eines Patienten eine Röntgenaufnahme der Lunge. Diese wies zwei Rundherde auf, die auf eine Krebserkrankung hindeuteten. Der Arzt übersah diesen Befund jedoch, sodass keine weiteren diagnostischen Maßnahmen oder therapeutischen Schritte eingeleitet wurden. Später stellte sich heraus, dass die verpasste Diagnose gravierende Folgen für den Patienten hatte. Das Gericht wertete dies als einfachen Diagnosefehler, da die richtige Interpretation der Aufnahme zwar medizinisch möglich gewesen wäre, jedoch nicht zwingend zu den Kernaufgaben eines Anästhesisten gehört.
Solche Fehler können unter bestimmten Umständen zu einer Haftung führen, insbesondere wenn eine fehlerhafte Befundbewertung zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen für den Patienten führt.
Fehlerhafte Beurteilung der Narkosefähigkeit
Die präoperative Diagnostik ist entscheidend, um mögliche Risiken zu erkennen. Anästhesisten müssen vor einer Operation etwaige Vorerkrankungen oder anatomische Besonderheiten berücksichtigen. Wird beispielsweise eine Lungenerkrankung übersehen oder eine Kontraindikation für bestimmte Narkosemittel nicht beachtet, kann dies gravierende Folgen haben. Auch Nebenbefunde, die sich bei Voruntersuchungen zeigen – etwa Hinweise auf eine unerkannte Krebserkrankung wie im obigen Beispiel – dürfen nicht ignoriert werden.
Fehler bei der Intubation
Ein weiteres großes Risiko besteht in der fehlerhaften Intubation. Dabei handelt es sich um das Einführen eines Beatmungsschlauchs, um den Patienten während der Narkose künstlich zu beatmen. Eine falsche Platzierung kann dazu führen, dass der Patient nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Besonders gefährlich ist es, wenn der Schlauch versehentlich in die Speiseröhre statt in die Luftröhre eingeführt wird. Dies kann zu schwerwiegendem Sauerstoffmangel und irreversiblen Hirnschäden führen. In solch kritischen Situationen muss deshalb ein Oberarzt hinzugezogen werden, der über die notwendige Fachkompetenz verfügt, um Komplikationen sicher zu bewältigen.
In Notfallsituationen, in denen eine schnelle Intubation erforderlich ist, kann es passieren, dass der Schlauch nicht korrekt sitzt oder sich Schleimpfropfen im Tubus bilden, die eine Beatmung erschweren. Der Anästhesist muss daher die korrekte Lage des Tubus sorgfältig kontrollieren und auf Alarmsignale wie fallende Sauerstoffsättigungswerte sofort reagieren. Ein Zögern kann für den Patienten fatale Folgen haben.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Entfernung eines verlegten Tubus. Falls Schleim oder andere Sekrete die Atemwege blockieren, muss der Anästhesist unverzüglich eingreifen. Jede Zeitverzögerung kann zu einer lebensbedrohlichen Situation führen.
Wachheit unter Narkose (Awareness)
Ein besonders erschreckendes Phänomen ist das „Awareness“-Syndrom, bei dem Patienten während einer Operation das Geschehen bewusst miterleben, jedoch aufgrund der Narkose nicht in der Lage sind, sich zu bewegen oder auf ihre Schmerzen aufmerksam zu machen. Dieses traumatische Erlebnis kann schwerwiegende psychische Folgen haben und zu langfristigen Angststörungen führen.
Die Ursachen für eine unzureichende Anästhesie sind vielfältig. Manchmal werden Narkosemittel falsch dosiert oder die Reaktion des Patienten auf die Medikamente wird falsch eingeschätzt. In anderen Fällen liegt es an fehlerhafter Überwachung: Ein erfahrener Anästhesist erkennt anhand von Stressreaktionen wie Schwitzen, Herzrasen oder erhöhter Muskelspannung, ob der Patient ausreichend sediert ist. Wird dies übersehen, kann es zu einer Tortur für den Patienten kommen, die vollkommen vermeidbar wäre.
Unzureichende Überwachung
Die Verantwortung des Anästhesisten endet nicht mit der Einleitung der Narkose, sondern erst, wenn der Patient sicher aus der Narkose erwacht ist. Eine lückenhafte Überwachung während oder nach der Operation kann jedoch dazu führen, dass Komplikationen nicht rechtzeitig erkannt werden. Ein Patient, der sich in der Aufwachphase befindet, ist unter Umständen noch nicht in der Lage, normale Schutzreflexe auszuführen. Sollte er in diesem Zustand erbrechen und der Würgereflex noch nicht aktiv sein, kann das Erbrochene in die Lunge gelangen und eine Lungenentzündung oder gar eine Erstickung verursachen.
Auch Kreislaufprobleme sind keine Seltenheit nach einer Anästhesie. Ein abrupter Blutdruckabfall muss sofort medikamentös behandelt werden, um eine ausreichende Durchblutung des Gehirns sicherzustellen. Versäumt der Anästhesist dies, kann der Patient bleibende neurologische Schäden davontragen.

Arzthaftung bei Anästhesiefehlern
Wann liegt ein Behandlungsfehler vor?
Ein Behandlungsfehler ist dann gegeben, wenn der Arzt oder das medizinische Personal gegen anerkannte medizinische Standards verstößt und dies zu einem gesundheitlichen Schaden führt. Dabei unterscheidet das Medizinrecht zwischen einem einfachen und einem groben Behandlungsfehler.
Ein einfacher Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein medizinischer Standard zwar verletzt wurde, der Fehler jedoch als nachvollziehbar angesehen wird und nicht gravierend von den allgemeinen fachlichen Regeln abweicht. Ein Beispiel hierfür ist die fehlerhafte Dosierung eines Narkosemittels, die zu einer verzögerten oder unerwartet verlängerten Aufwachphase des Patienten führt. Während dies unangenehme Folgen haben kann, stellt es in der Regel keine existenzielle Bedrohung dar, sofern der Patient weiter überwacht und adäquat versorgt wird.
Ein grober Behandlungsfehler liegt vor, wenn eine schwere Abweichung vom medizinischen Standard gegeben ist, die als nicht nachvollziehbar eingestuft wird. Dies kann beispielsweise dann der Fall sein, wenn eine unzureichende Narkose verabreicht wird, sodass der Patient während der Operation Schmerzen empfindet, oder wenn eine fehlerhafte Intubation zu schweren gesundheitlichen Schäden führt. In solchen Fällen kommt es zur Beweislastumkehr: Normalerweise muss der Patient nachweisen, dass der Behandlungsfehler die Schädigung verursacht hat. Liegt jedoch ein grober Behandlungsfehler vor, muss der Arzt beweisen, dass sein Fehler nicht ursächlich für die entstandenen gesundheitlichen Probleme war.
Schadensersatz und Schmerzensgeld
Patienten, die durch einen Anästhesiefehler geschädigt wurden, haben Anspruch auf Schmerzensgeld sowie Ersatz für finanzielle Schäden. Die Höhe des Schmerzensgeldes richtet sich nach dem Ausmaß der Verletzung und den Folgen für den Patienten. In gerichtlichen Entscheidungen wurden beispielsweise Patienten, die durch eine Fehlintubation bleibende Hirnschäden erlitten haben, Schmerzensgelder in Höhe von bis zu 500.000 € zugesprochen.
Weitere mögliche Ansprüche sind:
- Erstattung von Behandlungskosten, die als Folge der erlittenen Schädigung entstanden sind
- Verdienstausfallentschädigung
- Haushaltsführungsschaden, wenn ein Patient aufgrund der entstandenen gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht in der Lage ist, seinen Haushalt selbstständig zu führen.
Fazit: Lassen Sie Ihren Fall prüfen
Wenn Sie durch eine fehlerhafte Anästhesie gesundheitlich geschädigt wurden, sollten Sie Ihre rechtlichen Möglichkeiten sorgfältig prüfen lassen. Ein erfahrener Fachanwalt für Medizinrecht kann Sie dabei unterstützen, Schadensersatzansprüche geltend zu machen und eine umfassende Beweissicherung durchzuführen.
Um Ihren Fall bestmöglich vorzubereiten, sollten Sie frühzeitig alle relevanten medizinischen Unterlagen sichern, insbesondere Operationsberichte, Narkoseprotokolle und Arztbriefe. Darüber hinaus kann es hilfreich sein, ein Tagebuch über den Verlauf nach der Operation zu führen. Notieren Sie darin auftretende Beschwerden, notwendige Folgebehandlungen und Einschränkungen im Alltag, um die Auswirkungen des Anästhesiefehlers umfassend zu dokumentieren.
Unsere Kanzlei verfügt über langjährige Erfahrung in der Durchsetzung von Ansprüchen bei Behandlungsfehlern im Bereich der Anästhesie. Wir wissen, worauf es bei Arzthaftungsfällen ankommt und wie wir Ihre Rechte bestmöglich vertreten können. Lassen Sie sich nicht mit unzureichenden Erklärungen abspeisen – nutzen Sie die Möglichkeit einer rechtlichen Prüfung.
Kontaktieren Sie uns für eine unverbindliche Ersteinschätzung und erfahren Sie, welche Ansprüche Ihnen zustehen und welche Schritte Sie als nächstes unternehmen sollten.